Freitag, 17. Januar 2014

Reflexionen über Rechtschreibfähigkeit

Was die Fähigkeit zu fehlerfreier und eindeutiger schriftlicher Kommunikation mit gesellschaftlicher und ökonomischer Progression zu tun hat. Eine etwas misslaunige Bestandsaufnahme.


Vor einigen Jahren habe ich mal irgendwo gelesen, dass in den USA jährlich erschreckend viele Menschen an den Folgen unleserlicher Rezepte bzw. entsprechend falsch ausgehändigter Medikamente sterben. Seither frage ich mich, warum es eigentlich noch keine Untersuchung zum volkswirtschaftlichen Schaden fehlerhafter Rechtschreibung und Zeichensetzung in Wirtschaftsprozessen gibt.

Zugegeben, eine kaum zu entziffernde Arzt-Handschrift hat erst auf den zweiten Blick etwas mit Rechtschreibschwäche zu tun. Dann aber sehr wohl, da der Effekt insofern derselbe sein kann, als schlimmstenfalls in beiden Fällen die Kommunikation fehlschlägt – sprich: der Empfänger missversteht den Sender.

Kommata verhindern Kannibalismus 


Ob ich das wirklich ernst meine ...? Ja. Nehmen wir zur Verdeutlichung ein fast schon klassisches (und etwas albernes, dafür aber umso wirksameres) Beispiel, das seit geraumer Zeit unter „Rechtschreibung/Zeichensetzung kann Leben retten“ durchs soziale Web mäandert: „Komm, wir essen, Opi!“ vs. „Komm wir essen Opi!“. Sprachgewandte werden den entscheidenden Unterschied auf der Bedeutungsebene hier auch ohne weitere Erläuterung verstehen und schmunzeln.
Denn witzig ist es ja auch – falls man nicht der Opi ist. Wenn man einen vergleichbaren orthografischen „Fauxpas“ [sic!] hingegen auf, sagen wir mal, eine schriftliche Kommunikation im Hochsicherheitsbereich eines Atomkraftwerks überträgt, dann bleibt einem das Lachen wohl eher im Halse stecken.

Rechtschreibung und Schlaglöcher 


Aber es muss ja nicht immer gleich der Super-GAU sein ... Indes, gemessen daran, dass die durchschnittliche Rechtschreibfähigkeit der Deutschen in etwa dem Zustand der Straßen in meiner Heimatstadt Duisburg entspricht, müssten im Grunde genommen auch an vielen Schnittstellen inner- und zwischenbetrieblicher Prozesse tagtäglich erhebliche (finanzielle etc.) Schäden durch fehlerhafte Kommunikation entstehen. Und nicht nur dort.

Die zunehmende Unfähigkeit zum eindeutigen schriftlichen Ausdruck kommt da noch erschwerend hinzu. Denn Fehler und Uneindeutigkeiten führen gleichermaßen zu Missverständnissen, die wiederum falsche Handlungen auslösen können. 

Langsamer Tod des Bindestrichs


Allein, man hört nichts davon. Was man allerdings heutzutage auf Facebook & Co., in geschäftlichen Korrespondenzen und vermehrt auch in den Medien so alles zu Augen bekommt, verheißt wahrlich nichts Gutes. Ganz zu schweigen vom langsamen Tod des Bindestrichs, wodurch viele Sätze nicht selten zu regelrechten Rätselparcours mutieren. Aber das nur am Rande.
Und ja, es ist zweifelsohne total unsexy, ein Kulturpessimist zu sein. Geschenkt. Wobei es mir hier jedoch nicht darum geht, Ursachenforschung zu betreiben, Schuldige auszumachen oder Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Das können andere hoffentlich besser. Vielmehr interessieren (und beunruhigen) mich die möglichen Konsequenzen dieser wohl alles in allem unstrittigen Entwicklung. Und diese sind keineswegs trivialer Natur.


Organisation durch Schriftsprache 


Man muss sich nur mal vergegenwärtigen, welchen immensen kulturellen Aufschwung die Erfindung der Schrift in den sumerischen Stadtstaaten vor rund 5500 Jahren in Gang gesetzt hat: Da somit der Organisationsgrad früher Gemeinschaften entscheidend optimiert wurde, konnten überhaupt erst Hochkulturen und später Nationen entstehen. Sofern man  wie ich  Aliens als Entwicklungshelfer bis auf weiteres ausschließt. 

So betrachtet ist die Schriftsprache also so etwas wie das Schmierfett gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, und es ist kaum auszudenken, was geschieht, wenn die Fähigkeit, damit weitgehend fehlerfrei umzugehen, zusehends den Bach runtergeht. Oder genauer: Eine Gesellschaft, die maßgebliche Teile ihrer Kommunikationsfähigkeit und somit auch ihres Organisationsgeschicks einbüßt, hat eher schlechte Karten. Der Quellcode wird uns jedenfalls nicht den Arsch retten.



Der Autor: Andreas Quinkert ist PR-Freelancer mit den Schwerpunkten Public Relations, Content Marketing, Corporate Blog und Redaktion. Seit 2004 berät und unterstützt er kleine und mittelständische Unternehmen sowie Agenturen in NRW. Sein PR-Blog wurde Ende 2013 ins Leben gerufen und hat sich seither zu einem wichtigen Seitenprojekt entwickelt.

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