Montag, 7. Juli 2014

PR braucht einen guten Look

Wenn das Corporate Design eines Unternehmens in die Jahre gekommen ist, nützt auch die beste PR nichts. Denn ohne zeitgemäße Gestaltungslinie hängen selbst die knalligsten Kommunikationsbotschaften in der Luft und lösen bei Zielgruppen eher Verwirrung denn Begeisterung aus. Genau dann ist es an der Zeit, über einen grafischen Relaunch nachzudenken.


Im Leben eines PR-Dienstleisters gibt es Angenehmeres, als einem neuen Kunden sagen zu müssen, dass dessen Corporate Design scheiße ist zu wünschen übrig lässt. So was hört niemand gerne. Deswegen füge ich, sofern es nicht allzu sehr an den Haaren herbeigezogen ist, dann meistens noch rasch hinzu, dass die alte Gestaltungslinie nebst Logo immerhin eine prima Basis für einen kleinen grafischen Relaunch darstellt. So richtig haarig wird es allerdings, wenn sich obendrein herausstellt, dass das Ganze "damals" von der eigenen Gattin, dem Sohn, der Schwägerin o. ä. entwickelt wurde ... Und überhaupt habe noch nie jemand etwas daran auszusetzen gehabt! 
Klar, darum wurde bislang ja auch nichts daran geändert, denke ich mir daraufhin im Stillen und versuche zunächst einmal möglichst bequem zu sitzen, bevor ich mit einer äußerst behutsamen Erklärung der Zusammenhänge beginne. Mit dem Ziel, den (in solchen Fällen zumeist kleinen oder mittelständischen) Kunden davon zu überzeugen, dass der Erfolg einer PR-Kampagne – und sei es nur eine regionale Presseaktion – eben auch vom visuellen Erscheinungsbild eines Unternehmens abhängt. Heißt: Damit ein möglichst großer Teil der anvisierten Zielgruppe tatsächlich auf die Unternehmensbotschaften anspringt, muss ein Rädchen ins nächste greifen und der Gesamteindruck stimmen. Was übrigens für das übergeordnete Content Marketing umso mehr gilt, als dort in aller Regel weitaus mehr bildhafte Inhalte unters Volk gebracht werden als in der "reinen PR". Der Haken daran ist nur, dass so etwas immer mit einer zusätzlichen Investition verbunden ist … 


PR ist keine Wunderwaffe


Aus diesem Grund arbeite ich eigentlich immer gleich zu Anfang heraus, dass PR im Gesamtgefüge der Unternehmenskommunikation keine von allem anderen losgelöste Wunderwaffe ist, sondern dass es hier um das Zusammenspiel verschiedener Faktoren geht. Dazu gehört neben dem Grafikdesign etwa auch die professionelle Fotografie. (Vielleicht werde ich das mit der vermeintlichen Wunderwaffe beim nächsten Termin ja einfach mal am Beispiel Christiano Ronaldos und dem Vorrunden-Aus der portugiesischen Nationalmannschaft bei der WM 2014 erläutern. Das sollte dann unmittelbar einleuchten.)
In der PR stehen also selbst die tollsten Botschaften niemals für sich alleine, sondern sie werden von den Zielgruppen im Kontext betrachtet und bewertet. So geht der zuständige Zeitungsredakteur idealiter ebenso mal kurz auf die Webseite des Unternehmens, dessen durchaus interessante Presseinformation gerade in sein Postfach geflattert ist, wie der Internetsurfer, der im Social Web oder sonstwo eine gut lancierte PR-Story über just jenes Unternehmen gelesen hat. Beide wollen sich einen Eindruck von der Seriosität, Glaubwürdigkeit und "Aufstellung" des Inhaltsanbieters verschaffen, um auf dieser Grundlage eine Entscheidung pro oder contra treffen zu können.

Wenn es dort gestalterisch allerdings so aussieht wie bei Hempels unterm Sofa, so macht es letztlich keinen Unterschied, ob man nun einen PR-Superstar engagiert hat oder irgendeinen Hinterhof-Krauter. Wichtig ist nur, dass beide über den Tellerrand schauen und Tacheles reden, falls die kundenseitigen Voraussetzungen für erfolgreiche PR eher suboptimal sind. Dafür werden wir schließlich ebenfalls bezahlt.


Komplett im falschen Film


Ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen darf: Ein Unternehmen möchte künftig auch eine deutlich jüngere Zielgruppe von sich begeistern – ohne jedoch sein in die Jahre gekommenes Corporate Design aufzufrischen. Durch eine PR-Kampagne erfolgreich auf die Webseite des Unternehmens gelotst, wähnt sich die Zielgruppe angesichts eines bestenfalls unfreiwillig komischen 1980er-Logos (und entsprechend anachronistischen Webdesigns) dann aber komplett im falschen Film. Sie ist irritiert, da die verlockende PR-Botschaft und der visuelle Unternehmensauftritt einander zu widersprechen scheinen, und schlimmstenfalls fühlt sie sich sogar hinters Licht geführt und reagiert negativ darauf. Likes, Shares oder Sales sind damit ebenso Fehlanzeige wie die nachhaltige Erschließung der angestrebten neuen Zielgruppe.
Gut möglich, dass es manchen davon – im übertragenen Sinne – dann so wie mir geht, wenn ich mir vor einem wieder einmal streikenden und übel aus dem Schlund riechenden Pfandautomaten einer eigentlich ja supergeilen Supermarkt-Kette die Beine in den Bauch stehe und mich frage, was ich alles aus meinem Leben hätte machen können …


Der Kopf muss entscheiden


Stimmigkeit ist also das Stichwort, um das es mir hier geht, und diese fängt mit der Corporate Identity (inklusive Corporate Design, Corporate Behaviour, Corporate Communication etc.) an und bildet unter anderem die Basis für Marketing und PR. Dazu müssen Unternehmen aber auch mal loslassen können und bereit sein, mindestens in ein grafisches "Facelift" zu investieren, falls die bisherige Gestaltungslinie zu geriatrisch ist und dem strategischen Kommunikationsziel im Weg steht. Hier muss der Kopf entscheiden, nicht das Herz – und zwar unabhängig davon, wer damals Logo, Webdesign etc. entworfen hat und wie sehr man daran hängt. Sonst bleibt man als Unternehmen hinter seinen Möglichkeiten zurück und erreicht seine (neuen) Ziele nicht. Wie unlängst Portugal bei der WM. 
Trotzdem muss ich in solchen Momenten immer daran denken, wie in der Antike mit dem Überbringer schlechter Nachrichten verfahren wurde: Er wurde umgehend einen Kopf kürzer gemacht.



Der Autor: Andreas Quinkert ist PR-Freelancer mit den Schwerpunkten Public Relations, Content Marketing, Corporate Blog und Redaktion. Seit 2004 berät und unterstützt er kleine und mittelständische Unternehmen sowie Agenturen in NRW. Sein PR-Blog wurde Ende 2013 ins Leben gerufen und hat sich seither zu einem wichtigen Seitenprojekt entwickelt.

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